VISION-ZERO E.V. – GEMEINSAM GEGEN KREBS

EINE INITIATIVE FÜR EIN NEUES HANDELN IN DER ONKOLOGIE

1. Vision-Statement

Wir setzen uns nachdrücklich dafür ein, die Zahl der vermeidbaren krebsbedingten Todesfälle gegen Null zu bringen.

Die Statistiken zeichnen seit Jahren das gleiche traurige Bild: demnach stirbt in Deutschland rund jeder vierte Bundesbürger an einer Krebserkrankung – 600 Menschen pro Tag, 220.000 pro Jahr. Ein großer Teil dieser Todesfälle wäre jedoch vermeidbar, sei es durch verbesserte Prävention und Früherkennung, präzisere Diagnostik, rasche Überführung von Therapieinnovationen in die Praxis, oder einen bundesweit direkten Zugang zur leitliniengerechten und individuell optimalen Versorgung. Unser Ziel ist es daher, dass das Potenzial dieser Ansätze ausgeschöpft wird und damit die Zahl der vermeidbaren krebsbedingten Todesfälle signifikant sinkt - idealerweise gegen Null gebracht wird. Diese „Vision-Zero“ hat außerordentlich erfolgreiche Vorbilder in den Bereichen Arbeitsschutz und im Straßenverkehr, wo die Zahl der Verkehrstoten in den letzten Jahrzehnten um rund 90 % gesenkt werden konnte; bei gleichzeitig starker Zunahme des Straßenverkehrs. Wir sind überzeugt, dass wir auch in der Onkologie so erfolgreich sein können und Krebs künftig nicht mehr zu den häufigsten Todesursachen zählen muss, wenn wir jetzt alle Kräfte bündeln und konzentriert an diesem Thema arbeiten.

2. Mission-Statement

Unser Weg zur Vision-Zero: Wir engagieren uns für die Themen und Projekte, die uns unserem Ziel näherbringen.

Ob Menschen an Krebs erkranken bzw. ob sie mit ihm leben können, oder an ihm sterben, hängt von zahlreichen Faktoren ab. Daher gibt es nicht die eine Strategie oder Maßnahme, um krebsbedingte Todesfälle zu vermeiden. Vielmehr müssen wir auf dem Weg zur Vision-Zero „jeden Stein umdrehen“ und ausloten, was am erfolgreichsten und nachhaltigsten zum Ziel führt:


Stichwort Prävention

Allein durch einen gesunden Lebensstil ließen sich knapp 40 Prozent aller Krebserkrankungen vermeiden, wobei den Themen gesunde Ernährung, Rauchen, Bewegungsmangel und Alkoholabusus besondere Bedeutung zukommt. Großes Potenzial sehen wir auch bei Impfungen gegen Virusinfektionen, sowie in bundesweiten, risikoadaptierten Krebspräventions- und Früherkennungsprogrammen. Hier gilt es (wie seinerzeit bei den erfolgreichen Anti-AIDS Kampagnen) alle Ressourcen zu bündeln, um dem Vision-Zero Ziel einen großen Schritt näher zu kommen.


Stichwort Forschung und Translation

Deutschland braucht so rasch wie möglich vernetzte Strukturen im Gesundheitsbereich, in denen Grundlagenforschung, klinische Entwicklung und praktische Anwendung eng verzahnt sind. Dadurch können Patienten frühestmöglich Zugang zu Innovationen in der Präzisionsdiagnostik und in der Therapie erhalten. Fehlanreize, die klassisches „Silodenken“ fördern, müssen der Vergangenheit angehören.


Stichwort Zugang zur onkologischen Versorgung

Patienten müssen die Gewissheit haben, dass sie unabhängig von Wohnort, Krankenversicherung und/oder ihrer eigenen Gesundheitskompetenz nach einheitlich hohen Qualitätsstandards behandelt werden. Wir setzen uns dafür ein, dass in Deutschland onkologisches Know-how auf Spitzenniveau flächendeckend zur Verfügung steht und Patienten überall eine leitliniengerechte, qualitativ hochstehende, personalisierte Versorgung erhalten. Darüber hinaus setzen wir uns dafür ein, dass wichtige Krebsmedikamente in Deutschland oder Europa in Studien getestet und anschließend vor Ort produziert werden. Nur so lässt sich eine sichere Versorgung gewährleisten und können Lieferengpässe vermieden werden.


Stichwort wissengenerierende Versorgung

Ob in einem Comprehensive Cancer Center oder in einer niedergelassenen Praxis - bei jeder Untersuchung oder Behandlung von Krebspatienten fallen außerordentlich viele Daten an. Um diese Daten zeitnah zusammenzuführen und zu analysieren, braucht es bestimmte Strukturen. Wir setzen uns nachdrücklich dafür ein, dass diese rasch aufgebaut werden. Die Erkenntnisse aus dieser Datennutzung sollten allen Leistungserbringern in der Onkologie zur Verfügung stehen, umgekehrt sollen die Therapie-Erfahrungen jedes einzelnen Patienten erfasst und wissenschaftlich ausgewertet werden. So entsteht eine wissengenerierende Versorgung, die dazu beiträgt, das Know-how in der Onkologie kontinuierlich zu erweitern. Damit jeder Patient die für ihn optimale Versorgung erhält – unabhängig von individuellen Faktoren.

Für alle Krebserkrankungen, die nicht durch gesteigerte Präventions- und Früherkennungsmaßnahmen vermieden werden können, gilt, das die Aufwendungen für Präzisionsdiagnostik und innovative Therapiekonzepte deutlich gesteigert werden müssen.

Stichwort Patientenkompetenz
Patienten haben eine eigene Perspektive auf ihre Krebserkrankung und eine andere Wahrnehmung davon, was wichtig ist, als Ärzte und Therapeuten. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Perspektive stärker in der Forschung und im klinischen Alltag berücksichtigt wird und weiche Faktoren wie Lebensqualität, Vereinbarkeit von Therapie und Alltag etc. als Behandlungsziele anerkannt werden. Ein weiteres wichtiges Anliegen ist es uns, dass sich Krebspatienten umfassend über ihre Erkrankung, die Behandlungsoptionen und das diagnostische und therapeutische Angebot in den Versorgungseinrichtungen zeitnah und kompetent informieren können. Wir arbeiten daran, dafür die Voraussetzungen zu schaffen.


Stichwort Digitalisierung

Telemedizin lässt räumliche Distanzen schrumpfen, künstliche Intelligenz unterstützt Ärzte in der Diagnostik, Computer-gesteuerte Analysen durchforsten Datensätze nach therapierelevanten Informationen und Apps können das Management von Krebserkrankungen und die Patienten-Compliance erheblich verbessern. Moderne Medizin ist ohne Digitalisierung nicht mehr denkbar. Das gilt insbesondere für die Onkologie, wo sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie gewaltige Datenmengen anfallen. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Daten von allen medizinischen Leistungserbringern (Hausärzten, Fachärzten, Klinikern, etc.) strukturiert erhoben, analysiert und zum Nutzen von Krebspatienten und wissenschaftlicher Forschung unter Berücksichtigung der Datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen zentral und jederzeit zur Verfügung stehen.

3. Unser Selbstverständnis

Der Vision-Zero Verein versteht sich als Think-Tank und möchte dazu beitragen, Prävention und Früherkennung substantiell zu verbessern, Präzisionsdiagnostik und innovative Therapiekonzepte nachhaltig zu fördern und Vorlagen für Entscheidungsträger in der Gesundheitspolitik zu erarbeiten.
Dazu etablieren wir interdisziplinäre Arbeitsgruppen, die Fehlentwicklungen untersuchen, von europäischen Partnern lernen und notwendige Diskussionen anstoßen, ein Netzwerk von Kompetenz- und Entscheidungsträgern aufbauen, Veranstaltungen organisieren, Konzepte und Pilotprojekte auf den Weg bringen, Publikationen erarbeiten und andere Institutionen und Initiativen in der Onkologie, speziell die „Dekade gegen Krebs“, in ihrer Arbeit unterstützen.
Wir laden alle an dem Thema Onkologie interessierten Personen und Institutionen, sowie an der Versorgung von Krebspatienten Beteiligten ein, uns auf diesem Weg mit Rat und Tat zu unterstützen und zu begleiten.

4. Zehn Themenfelder für die Vision-Zero

1 / FRÜHAUFKLÄRUNG:

Gesundheitliche Vorsorge muss bundesweit bereits in der Schule kontinuierlich ein Thema werden und fest im Lehrplan verankert sein, wobei die Themen Gefahren des Rauchens und Schutz durch Impfen (insbesondere HPV) besondere Beachtung finden müssen.


THEMEN-PATIN:
Prof. Dr. Charlotte Niemeyer, Freiburg


2 / ERNÄHRUNG:

Es gilt, kontinuierlich Informationen, wie wichtig gesunde Ernährung ist, zur Verfügung zu stellen: In der Schule, in der Ausbildung, über Krankenkassen, in Apotheken, Arztpraxen und Medien. Die Risiken von Alkohol, zu viel Zucker und Fett müssen für den Bürger noch deutlicher werden!


THEMEN-PATE:
Prof. Dr. Andreas Pfeiffer, Berlin


3 / PRÄVENTION:

Bessere Ergebnisse können durch wirkungsvolle Anreize erreicht werden. Das Rauchen ist nachweislich einer der Hauptursachen für Krebs und sollte daher konsequent zurückgedrängt, die Werbung für Tabak verboten werden. Die Tabaksteuern sollten angepasst bzw. erhöht werden. Außerdem müssen mehr Menschen - in Abstimmung mit ihrem Artz  - dazu ermutigt werden, vorbeugende Impfungen zu machen - wie z.B die HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs, Mund- und Rachenkrebs. Auch bessere Bonussysteme zur Förderung von Bewegung können Anreize setzen. Alle Präventionsprogramme sollten durch regelmäßige Evaluierung optimiert werden.


THEMEN-PATE:
Prof. Dr. Jürgen Wolf, Köln; Daniel Bahr, München


4 / FRÜHERKENNUNG: Hausärzte müssen besser über Früherkennungsmaßnahmen aufklären, eine regelmäßige Erfragung familiärer Belastung von Krebs muss Pflicht werden. Erfolgreiche Konzepte aus dem Ausland wie das Einladungsverfahren zur Darmkrebsvorsorge sollten übernommen werden (in Holland nehmen über 70 Prozent der Eingeladenen teil, in Deutschland voraussichtlich nur ein Bruchteil davon)

THEMEN-PATIN:
Dr. Christa Maar, Felix Burda Stiftung und Netzwerk gegen Darmkrebs, München


5 / DIAGNOSTIK:

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist die Rate der innovativen, präzisen Diagnostik, insbesondere die breite molekulare Testung, verbesserungsfähig. Benötigt werden Mittel zum raschen Ausbau bundesweiter Netzwerke für die molekulare Diagnostik und deren Umsetzung. Sie ist Voraussetzung für individualisierte maßgeschneiderte Therapiekonzepte, die unmittelbar den Patienten zu Gute kommen. Schlüssel hierfür ist eine enge Kooperation zwischen Forschungseinrichtungen, Universitätsklinika, qualifizierten Krankenhäusern und den onkologischen Schwerpunktpraxen.


THEMEN-PATIN:
Prof. Dr. Diana Lüftner, Berlin


6 / THERAPIE:

Das Ziel muss lauten: höhere Überlebensrate und bessere Lebensqualität! Dafür müssen neue Therapien für alle Krebserkrankungen aus der Forschung schneller im klinischen Alltag und damit beim Patienten ankommen. (Siehe auch "Neben der Primärprävention haben Arzneimittel das größte Potenzial, die Krebsmortalität zu senken." - ein Beitrag in der Rubrik Veröffentlichungen.


THEMEN-PATE:
Prof. Dr. Michael Hallek, Köln


7 / DIGITALISIERUNG:

Alle Patienten haben das Recht auf ihre Daten! Es muss sichergestellt werden, dass Hausärzte, Fachärzte und Kliniken die vollständigen patientenbezogenen Daten in strukturierter Form zeitnah und automatisch in eine digitale Patientenakte einpflegen, damit die medizinische Versorgung optimiert werden kann. Gleichzeitig sollten die anonymisierten Daten in wissenschaftlichen Auswertungen dazu beitragen, dass künftige Krebspatienten besser versorgt werden.


THEMEN-PATE:
Prof. Dr. Christof von Kalle, Berlin


8 / PATIENTENKOMPETENZ:

Patienten und ihre Selbsthilfe-Organisationen müssen stärker einbezogen werden! Ärzte sollten Betroffene als gleichberechtigte Partner bei der Behandlung sehen. Mit persönlichen Wünschen einbezogen zu werden ist eine wichtige Grundlage für den Erfolg einer Behandlung. Es gilt Patientensicherheit und Patientenkompetenz nachhaltig zu stärken.


THEMEN-PATE:
Dr. Ruth Hecker, Essen; Prof. Dr. Dr. Michael von Bergwelt, München


9 / PSYCHOTHERAPEUTISCHE BEGLEITUNG VON KREBSPATIENTEN UND IHREN ANGEHÖRIGEN:

Wir brauchen mehr und besser qualifizierte Fachkräfte, damit eine flächendeckende Versorgung von Krebspatienten und ihren Angehörigen möglich wird. Denn die Psyche ist ein sehr wichtiger Teil unseres Seins und unserer Gesundheit.


THEMEN-PATE:
Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf, Leipzig


10 / PFLEGE UND REHA:

Die Rolle der Pflegeprofession im Thema hat sich in den vergangenen Jahren fachlich-inhaltlich sehr positiv entwickelt. Strukturell sind Stellenerweiterungen zum pflegerischen Leistungsangebot auszubauen. Mit den Weiterbildungen zu Onkologischen Pflegefachpersonen und dem Ausbau von akademisierten Pflegestudiengängen werden Absolventen inzwischen auf vielen Ebenen hoch verantwortungsvoll im täglichen Behandlungs- und Versorgungssetting eingebunden. Für Menschen mit Krebs bedeuten sie eine zuverlässige und fachkundige Unterstützung. Politische Flankierung und pflegefachliche Weiterentwicklung garantieren mit onkologischen Pflegeexperten insbesondere bei chronischen Verläufen für Patienten und ihre Angehörigen Verbesserungen bei Alltagsbewältigung und Kommunikation auch bei schwierigen Verläufen.


THEMEN-PATIN:
Hedwig François-Kettner, Berlin


Zur Finanzierung der vorgeschlagenen Maßnahmen schlagen die Experten einen Präventionsfond vor, der über eine spezielle Abgabe beispielsweise auf Zigarettenpackungen finanziert wird. Mit einem „Präventions-Euro“ pro Standardschachtel ließe sich innerhalb weniger Jahre ein Budget von 1 Milliarde € aufbauen – 100 Millionen € pro Themenfeld.

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